Katastrophe und Kinder

 20-jähriges Jubiläum vom Verein "Kinder in Not"

 Eine kleine Geschichte zum Nachdenken

Vor einigen Jahren hatte man mir ein Brief übergeben mit der Bitte diesen aus dem Russischen in die deutsche Sprache zu übersetzen. Den Brief brachte ein Mädchen mit, das Natascha hieß, sie kam zusammen mit anderen Kindern aus Weißrussland. Sie wurde für  zwei Wochen Gesundheitsferien eingeladen und wohnte bei der Familie Klaus aus dem  benachbarten Städtchen, deren Kinder schon aus dem Hause waren. In dieser Familie erholen sich jedes Jahr zwei Kinder aus einem weißrussischen Dorf.

In dem Brief schrieb Nataschas Bruder, er ginge in die 10 Klasse als bei ihm plötzlich der Haarausfall einsetzte. Erste vorsichtige Diagnose der Ärzte lautete: Alopezie. Die Krankheit schreitete fort. Er wurde sowohl beim Hautarzt, als auch bei dem Arzt für Neuropathologie behandelt, jedoch ohne Erfolg. Er hoffte auf die Hilfe. Am Ende des Briefes stand in einer kleinen Handschrift:

P.S. Ich war mit einem Mädchen zusammen, sie hat mich verlassen, weil ich momentan so schrecklich aussehe. Er konnte sich das Leben ohne dieses Mädchen nicht vorstellen.

Herr Klaus wollte ein Präparat in der Apotheke kaufen, das die Situation ändern könnte.

Um positive Ergebnisse zu erreichen waren Injektionen über eine längere Zeit notwendig. Das Präparat war teuer und die Mittel bei Herrn Klaus begrenzt. Es kam hinzu, dass man das Medikament ohne Rezept in der Apotheke nicht kaufen konnte.

Herr Klaus bat mich zusammen mit ihm in die Apotheke zu gehen und mit dem Apotheker zu sprechen, um seine Aussage zu bestätigen. Alles stimmte.

Es kann auch ein Rezept aus Weißrussland sein, sagte der Apotheker. Es könnte eine durch mich gestiftete humanitäre Hilfe sein, dann könnte man auch über einen anderen Preis nachdenken. Aber, ergänzte der Apotheker nach einer Pause, man sollte nachfragen, ob es möglicherweise ein Problem mit der Schilddrüse gäbe. Sollte dies zutreffen, dann komplizieren sich die Dinge womöglich.

Aus dem Haus von Herrn Klaus riefen wir das Dorf an, aus dem Natascha kam. Wir sprachen mit ihren Bruder, erzählten ihm über das Präparat und das Rezept. Fragten ihn über die Schilddrüse aus. Er schwieg eine Weile und sagte dann: ja, ich habe dieses Problem.

Dennoch schick uns das Rezept, sagte Herr Klaus sehr laut in der Muttersprache des Jungen ins Telefon. 

Nataschas Bruder schickte nie das Rezept. Wie es ihm heute geht, wissen weder Herr Klaus noch ich nicht. Es kamen auch keine Briefe mehr.

HKT e. V hat vor einigen Jahren in verschiedenen Städten etliche Kliniken eröffnet, einschließlich einer in Minsk. Diese Klinik führt in ihrer Kartei mehrere hundert kranker Kinder. Die Ärzte, die eine Spezialisierung in Deutschland absolviert haben, beobachten und untersuchen diese Kinder regelmäßig.

Die Klinik ist mit den medizinischen Geräten aus Deutschland ausgestattet, das Gerätepool sowie die zur Verfügung stehende Medikamente werden stetig erweitert. 

In komplizierten oder gar hoffnungslosen Fällen werden kranke Kinder nach Deutschland in die Universitätskliniken Frankfurt/ Main oder Mainz für weitere Untersuchungen, sowie nachfolgende Behandlung gebracht.

Natascha und ihr Bruder sind vielleicht auch zur Untersuchung in der Klinik in Minsk gewesen. Oder befinden sich in der Klinikkartei.

Wenn dies zutrifft, dann machen HKT e. V und Herr Klaus die selbe Sache: sie nehmen am Schicksal der weißrussischen Kinder teil, wohlwissend, dass auch die Kinder dieser Kinder genetische Abweichungen in sich tragen können.

In Europa sind von den Folgen des Unfalls von Tschernobyl, dass vor 25 Jahren aufgetreten ist, mehr als 600 Millionen Menschen betroffen. Es berichtete am Freitag, den 8. April 2011 die Agentur DAPD unter Bezugnahme auf den korrigierten Bericht der deutschen Ärzte IPPNW, die kritisch gegenüber der Kernenergie eingestellt sind, und der Gesellschaft zum Strahlenschutz.

Experten betonen, dass die Auswirkungen der Strahlenbelastung sich oft in vielen Jahren manifestieren und auch in zukünftigen Generationen. Je niedriger die Strahlendosis desto länger die Latenzzeit. Aufgrund der kumulativen Anhäufung radioaktiver Stoffe in den Organen und Zellen von Kindern, sind die Krebserkrankungen der Schilddrüse signifikant angestiegen. Eine weit größere Bedrohung stellen nach Meinung der Experten jedoch genetische Anomalien dar. Nach Schätzung der UNO werden weltweit durch die Katastrophe von Tschernobyl zwischen 30 bis 207 Tausend Kinder mit genetischen Defekten geboren.

Das Mitgefühl gegenüber den Notleidenden, sei es in Tschernobyl oder Fukushima verbindet uns in unseren Bemühungen Hilfe zu leisten.

Der englischer Schriftsteller und Priester John Donne schrieb im 17 Jahrhundert in einer seiner Predigten:

„Niemand ist eine Insel ganz für sich; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlands. Wenn ein Erdklumpen ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn's eine Landzunge würde, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes. Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.“

Nach der Katastrophe in Tschernobyl meinten wir zu denken, dass es so ist.

Nach Fukushima wissen wir, dass es so ist.